»Wir sollten akzeptieren, dass Bilder nicht die Realität abbilden, sondern diese konstruieren.«
Interview mit Viktoria Binschtok
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Viktoria Binschtok, Puzzle Mix (Turm der Blauen Pferde), 2017
Die Arbeiten von Viktoria Binschtok begegneten Rainer und Annette Stadler erstmals 2017 in der Ausstellung Turm der blauen Pferde in der Graphischen Sammlung München. Für diese Ausstellung entwickelte die Künstlerin eine Edition, die zugleich den ersten Ankauf für die Sammlung markierte. Über ihre Galerie erschloss sich ihr Werk weiter, und auch die persönliche Begegnung folgte bald. Mehrere Atelierbesuche führten zu einem engen, freundschaftlichen Austausch, aus dem sich eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit ihrem Werk entwickelte.
Viktoria Binschtoks Arbeiten befassen sich mit der Zirkulation und Logik digitaler Bilder und übersetzen diese in fotografische und installative Arbeiten. Sie eröffnen eine Perspektive auf eine Gegenwart, in der Bilder allgegenwärtig sind und sich zwischen physischem und virtuellem Raum bewegen.
Im Interview spricht Viktoria Binschtok über prägende Erfahrungen, über digitale Bildkulturen und über ihre künstlerischen Strategien, diese mit den Mitteln der Fotografie sichtbar zu machen.
Du hast einmal beschrieben, wie Du als Kind nach Deiner Migration von Moskau nach Minden in Westfalen über Bilder Zugang zu Deiner neuen Heimat gefunden hast, da Du zunächst kein Deutsch sprechen konntest. Würdest Du sagen, dass diese Erfahrung Deine künstlerische Arbeit grundlegend geprägt hat?
Ja, ich denke schon. Durch die Auswanderung war plötzlich alles anders. Ich musste nicht nur eine neue Sprache erlernen: durch den Systemwechsel im neuen Land verstand ich die Codes nicht. Es galten komplett andere Regeln, Vorstellungen und Ziele. Da ich nichts mehr verstand, waren die vielen bunten Bilder meine Vermittler der neuen Realität. Egal ob Werbeclip oder Spiegel-Reportage; ich versuchte, alles sinnvoll einzuordnen, um Teil der neuen Welt zu sein. Neue Bildwelten sind immer wieder eine wichtige Inspirationsquelle für meine künstlerische Arbeit.
Wenn Du zurückblickst: In welchem Werk hat sich dieses frühe Erleben von Bildern das erste Mal materialisiert?
Ich erlebte die rasante Veränderung, die durch Digitalisierung und Globalisierung in den 90ern spürbar wurde. 1995 kam ich an die Kunsthochschule in Leipzig, ging ins Internet und beobachtete, wie sich der Gebrauch des Mediums Fotografie im digitalen Raum erweiterte.
Es entstanden neue Bildgenres, wie private Schnappschüsse gebrauchter Alltagsobjekte auf eBay. Überwältigt von diesem Bilderpool begann ich zunächst wahllos Bilder zu sammeln und sie zu kategorisieren. Schließlich entschied ich mich für den Begriff Globus, da ich einen interessanten Zusammenhang zwischen der zunehmenden Globalisierung und der gleichzeitigen Entmaterialisierung von Dingen sah. Objekte, wie Globen, wurden plötzlich obsolet, ebenso wie mehrbändige Lexika. Das Wissen der Menschheit wurde nun unsichtbar im Netz gebündelt. Ich habe diesen Einschnitt in meiner Diplomarbeit Globen (2002) verarbeitet.
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Viktoria Bintschok, Globen, Galerie fuer zeitgenössische Kunst (Studio) Leipzig, 2002
In Deinen Werkgruppen Cluster und Networked Images entwickelst Du Konstellationen aus deinen eigenen und algorithmisch gefundenen Bildern. Nach welchen Kriterien wählst Du sie aus und wann ist eine Konstellation für Dich stimmig?
Die Entscheidung für Bildpaarungen habe ich sehr individuell getroffen, ohne festgelegte Regel. Der Bildsuchalgorithmus hat mir Unmengen an Material geliefert und ich habe mich daraus bedient. Mir war wichtig, visuell verführerische Verbindungen herzustellen, die stärker wirken als ihre kontextfreie inhaltliche Beziehung. Ich wollte die Vernetzung im Digitalen mit den Mitteln der Fotografie visualisieren. Die verschiedenen Bildkonstellationen stehen für Schnittstellen in dieser vernetzten Struktur. Also Verlinkungen, die uns von einer Information zur nächsten führen. Sie stehen für eine exemplarische Verbindung unter unendlichen vielen Kombinationen.
Zudem wollte ich die Gleichzeitigkeit von Informationen darstellen, die uns sehr gleichförmig auf unseren Displays erscheinen. Egal ob ein inszeniertes Frühstücksfoto oder ein lebloser Körper im Kriegsgebiet: alle Bilder im Netz erreichen uns auf der gleichen rechteckigen Oberfläche.
Diese Parallelität aus Banalität und Katastrophe, Berechnung und Zufall thematisiere ich in diesen Arbeiten. Deshalb war es mir auch wichtig, ein sehr breites Spektrum abzubilden und kein Thema besonders hervorzuheben.
Du überführst diese Konstellationen als Fotografien in physische Installationen. Ist diese Verlagerung ins Materielle eine bewusste Antwort auf die Schnelligkeit des digitalen Bilderflusses?
Als Künstlerin, die im physischen Raum arbeitet und ausstellt, ist es für mich selbstverständlich, meine Ideen zu materialisieren. Viele der Bilder, die ich online finde, existieren nur im Netz und haben außerhalb keinen weiteren Zweck. Erst wenn ich diese flüchtigen Bilder aus der Zirkulation herausnehme, kann ich inhaltliche Bezüge zwischen ihnen schaffen.
In meinen Anordnungen gehen sie eine visuelle Abhängigkeit mit meinen eigenen Bildern ein. Diese Symbiosen verbinden beide Welten. Sie repräsentieren online und offline Herkunft gleichermaßen. Beides ist Teil unserer Realität, weshalb ich in meinen Präsentationen mit beiden Bildwelten gleichwertig umgehe.

Viktoria Bintschok, Werke aus der Serie Networked Images, 2019-2021, Courtesy the artist & Klemm's, Berlin
Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Dir aus?
Der findet vor allem am Rechner statt. Fast alle Tätigkeiten wie Recherche, Bildfindung, aber auch Besprechungen sind an ein Gerät gebunden. Ich habe drei Stationen, die alle über meine Cloud verbunden sind: im Studio, zu Hause im Bett und in der Küche. So kann ich jederzeit den Ort wechseln. Manchmal gönne ich mir spontane Unterbrechungen, wie Ausstellungsbesuche. Kunst anzuschauen, kann sehr inspirierend sein. Ebenso spazieren gehen. Dabei denke ich nach: über das nächste Bild, den besseren Titel, einen Text usw. Das Grübeln ist sicher auch ein typischer Teil meiner Arbeit; man sieht es mir nur nicht immer an, weil ich dabei etwas völlig anderes mache.
Und dann gibt es sehr aktiven Phasen wie Produktion, Eröffnungen, Reisen, Aufbauten, ein Lehrauftrag oder Workshop...manchmal kommt alles zusammen, das ist besonders herausfordernd und schön zugleich.
Verbringst Du mehr Zeit mit dem Suchen und Ordnen von Bildern oder mit dem Fotografieren selbst?
Die meiste Zeit verbringe ich mit der Recherche und Entwicklung eines Konzepts. Ich probiere sehr viel aus, bis ich mich für etwas entscheide. Das Fotografieren selbst geht oft sehr schnell, da ich die Kamera nur raushole, wenn ich bereits genau weiß, wie das Bild aussehen soll.
Gibt es Momente der Überforderung angesichts der permanenten Bilderflut?
Mich überfordert weniger die Fülle der Bilder, als vielmehr die Vorsortierung des Algorithmus. Dieser personalisierte Mix aus öffentlichen, privaten, kommerziellen, maschinellen Bildern, die mich alle mehr oder weniger sofort interessieren, erschwert es mir, einfach abzuschalten. Da hilft auch die selbstgewählte Bildschirmzeit nicht.
In der Werkgruppe Digital Semiotics beschreibst Du den Weg vom Symbol zum Code, also von einem scheinbar banalen Bildzeichen zu einer verschlüsselten Bedeutung. Was interessiert Dich an dieser Zirkulation und Verschiebung von Zeichen?
Mich interessiert die Kommunikation über Zeichen auf vielen Ebenen. Sie verläuft asymmetrisch zu unserem Austausch im Analogen und folgt keiner erkennbaren Logik. Es gibt unzählig viele Slangs im Digitalen. Sie können Menschen verbinden, aber auch spalten.
Der Switch eines Zeichens zu einem Code ist nicht immer offensichtlich, es gibt keine klaren Regeln und viele Ausnahmen. Eine visuelle Ähnlichkeit zwischen Symbol und Code kann, muss aber nicht bestehen. Manchmal ist es nur der phonetische Klang, der ein Symbol mit neuem Sinn auflädt, wie beispielsweise das chinesische Pendant zu ‚metoo’. Es setzt sich zusammen aus den Bildzeichen für ‚rice’ und ‚bunny’, was im chinesischen ‚mi tu’ ausgesprochen wird. Diese Zeichenkombination hat es den Userinnen in China ermöglicht, die Zensur des metoo Hashtags zu umgehen und sich darüber zu vernetzen. Die subversive Nutzung von Zeichen finde ich besonders spannend, weshalb ich vor allem solche Codes in meinen Arbeiten reflektiere.
Aber auch ganz bekannte Symbole wie der Schädel oder die betenden Hände werden im Digitalen komplett anders aufgeladen. Diese Bedeutungsverschiebungen zwischen Kulturen, Generationen, aber auch Online und Offline Räumen finde ich extrem spannend.

Viktoria Binschtok, Ausstellungsansichten Digital Semiotics, 2026, Klemm's, Berlin
Durch Deine Fotografien überführst Du diese Codes in den physischen Raum. Möchtest Du ihre Bedeutungen dadurch manifestieren oder um eine neue Ebene erweitern?
Fast alle meine Arbeiten sind fotografische Aneignungen. Ich beziehe mich also auf vorhandene Bildwelten oder in diesem Fall Bildzeichen. Ich thematisiere hier ein konkretes digitales Phänomen mit den Mitteln der Fotografie. Der Transfer in den physischen Raum ist dabei wichtig, um einen Abstand zu bekommen, die Relevanz zu erkennen. Viele gesellschaftliche Veränderungen finden durch Kommunikation im Netz statt. Deshalb ist es für mich unumgänglich, diese Entwicklung offline zu thematisieren. Gleichzeitig archiviere ich auch bestimmte schnelllebige Prozesse, wie beispielsweise online Slangs, die sich ja permanent verändern. Vielleicht wird meine Arbeit irgendwann für forensische Auswertungen zur frühzeitlichen Online-Kommunikation herangezogen.
Im Moment verändert sich die Art, wie Bilder überhaupt entstehen, grundlegend. Denn KI eröffnet ganz neue Möglichkeiten der Bildproduktion. Welche Rolle spielt das für Deine Arbeit?
Mich interessieren neue Technologien sehr, manchmal nutze ich sie als künstlerische Tools wie in meiner Serie Typewriter Photographs (2022/23). Hier habe ich unterschiedliche Bilderkennungs-Apps genutzt, um festzuhalten, wie KI unsere aktuelle Weltlage anhand ausgewählter Bilder aus Sport, Politik, aber auch privater Schnappschüsse ‚sieht’. Die Ergebnisse der KI, also die von ihr erkannten Objekte, habe ich mit einer alten Schreibmaschine auf Papier übertragen. Die Begriffe sind in bestimmten Anordnungen positioniert, die auf ihre Position im Originalbild verweisen.
In meinen Fotografien mache ich beide Welten gleichermaßen sichtbar: das maschinelle Erkennen und die maschinelle Apparatur – beide stehen in einer gewissen Abhängigkeit zueinander.

Viktoria Binschtok, Mona L., 28, 2023
Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen, der Bedeutung alltäglicher Bilder und der neuen Möglichkeiten durch KI: Wie werden wir in zwanzig Jahren auf unsere heutige Bildkultur blicken und werden Bilder dann noch eine Form von Orientierung bieten können?
In zwanzig Jahren kann wahnsinnig viel passieren, so viel Fantasie habe ich nicht, es vorherzusehen. Wenn wir auf die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre schauen, hat die Kombination aus Smartphone und Social Media eine völlig neue Bildkultur geschaffen, die auch weitreichende politische Folgen hat. Nun leben wir in einem Plattformkapitalismus, in dem einige Tech Oligarchen die Regeln bestimmen – diese Entwicklung ist beängstigend.
Vielleicht werden die Menschen in Zukunft nicht mehr über den Wahrheitsgehalt von Bildern spekulieren. Zum Teil findet das Umdenken bereits statt, wie durch aktuelle Diskussionen um Deep Fakes und falsche Identitäten. Wir sollten akzeptieren, dass die Bilder nicht die Realität abbilden, sondern diese konstruieren.
Interview von Sophie Azzilonna
Februar 2026







