»Wir waren beide ganz ruhig und hatten die gleiche Körpertemperatur.«
Interview mit Susi Gelb

Susi Gelb, Reptilienauffangstation, Foto: Robert Fischer
Susi Gelb und die Familie Stadler verbindet seit vielen Jahren eine enge Freundschaft. Aus zahlreichen Begegnungen, Atelier- und Ausstellungsbesuchen entwickelte sich eine große Faszination für die Konsequenz, mit der sich Susi Gelb in ihrer Arbeit mit der Beziehung des Menschen zur Natur auseinandersetzt. Dabei verbindet sie Materialien, Formen und Elemente, die auf den ersten Blick unterschiedlichen Welten angehören, und schafft daraus eigene Kosmen.
Im Interview erzählt Susi Gelb, wie sie bereits im Alter von 7 Jahren mit einer Art Weltschmerz auf die Auswirkungen des Menschen auf seine Umwelt blickte – ein Thema, das sie seitdem begleitet. Sie spricht darüber, was ihre Arbeit prägt und welche Rolle die Natur nicht nur in ihrer Kunst, sondern auch in ihrem Alltag spielt.
Im Pool der Stadlers schwamm einmal eine gelbe Python. Was hatte es damit auf sich?
Für den Filmdreh von „no such things grow here“ war ich auf der Suche nach einem geeigneten Becken, das warm genug war und ohne Chlor, um eine Python darin schwimmen zu lassen – da kam mir der Pool der Familie Stadler in den Sinn. So trafen wir uns an einem sehr heißen Sommertag 2017 dort und die 3,5 Meter lange Albinopython Lisa durfte zum ersten Mal in ihrem Leben schwimmen gehen. Ich habe sie mit der GoPro Kamera begleitet. Das war auch für mich ein besonderer Anlass, fast wie eine Art Initiationsritual. Die Filmszenen sind wirklich betörend, das schimmernde türkisfarbene Wasser, die gelb-weiß gemusterten Schuppen der Schlange, die Sonnenreflexe.
Der Film und das Storyboard sind jetzt Teil der Sammlung Stadler und der Film wurde auf dem Opernvorplatz in München als Teil meines Kunst-im-öffentlichen-Raum -Projekts uraufgeführt.

Susi Gelb, no such things grow here, 2017, Videostill & Ausstellungsansicht Public Art Projekt Max Joseph Platz München, 2017
Welche Bedeutung hat die Schlange für dich?
Lisa kannte ich schon seit 2015, als ich mit ihr „full size original ∞ loading“ gefilmt hatte. Bei dem Film war ein Ausgangspunkt, wie eine Schlange, die sich um mich windet und an mir festhält, meine Körperlichkeit und Gestalt verändert. Dafür stand ich 40 Minuten unbewegt und die Tigerpython ist frei beweglich um mich herum geflossen, hat mich mehrmals umrundet, umwickelt und sich allmählich mit ihren 350 cm Länge unter meinem Shirt aufgerollt. Nach ca. 5 Minuten habe ich gespürt, wie sich unsere Atmung aneinander angepasst hat. Wir waren beide ganz ruhig und hatten die gleiche Körpertemperatur; das war schon sehr beeindruckend als Erfahrung, sehr meditativ. Die Schlange ist eines der ältesten Symbole der Menschheitsgeschichte. Während sie im Christentum zum Teil Versuchung symbolisiert, gilt sie in den meisten Kulturen als Heilsbringerin, wie die Bronzeschlange von Mose oder bei Asklepios in der griechischen Antike. Sie steht auch für Wiedergeburt, Fruchtbarkeit, Weisheit und die Verbindung mit dem Kosmischen. 2023 habe ich eine Serie von Keramiken von eingerollten Schlangen hergestellt, die von mesoamerikanischen Kultobjekten inspiriert waren. Von Lisa habe ich auch noch eine 350 cm lange, pergamentartige Haut von ihrer Häutung nach dem Dreh („renaissance enquiry“).

Susi Gelb, Dawn 01 & Dawn 03, 2023, Keramik, Kraterglasur
Du hast einmal erzählt, dass dich ein Gefühl von Weltschmerz seit deiner Kindheit begleitet. Du bist in Bad Tölz inmitten von Natur aufgewachsen. Erinnerst du dich daran, was genau diesen Schmerz erstmals ausgelöst hat?
Mir wurde früh die Verletzlichkeit ökologischer Systeme bewusst und das Gefühl, das heute oft als „ecological grief“ bezeichnet wird, kenne ich, seit ich etwa 7 Jahre alt war. Gespräche über Wassersparen oder über die Umweltauswirkungen des Autofahrens in der Grundschule, ein überfahrener Igel, ein gefällter Baum lösten bereits damals eine tiefe Nachdenklichkeit und ein Gefühl von Verzweiflung angesichts der fortschreitenden Umweltzerstörung aus. Die Erkenntnis, dass alltägliche menschliche Handlungen mit ökologischen Schäden und Ausbeutung verbunden sind, prägte mich nachhaltig. Diese Form ökologischer Trauer bearbeite ich auch mit meiner Kunst. Wir leben alle in einem nicht zu überwindenden Spannungsverhältnis zwischen Verantwortung und Nachlässigkeit, Informiertheit und Naivität, und bestimmt von einem „pragmatischen Idealismus“, wie es van den Akker und Vermeulen in ihrem Buch „Metamoderne“ nennen.
Die Klimakrise ist also ein emotionaler Ausgangspunkt für deine Kunst?
Die ökologische Krise empfinde ich nicht nur als äußere Bedrohung, sondern als Verletzung des Systems, dessen Teil wir selbst sind. Diese gleichzeitige Erfahrung von Verbundenheit und Verlust und das Bewusstsein der eigenen Begrenztheit angesichts globaler Klimaveränderungen bildet einen zentralen Ausgangspunkt meiner künstlerischen Arbeit. Kunst kann es auch schaffen, Trauer und Ambivalenz in Möglichkeitsräume und Hoffnung zu überführen; daran arbeite ich.
Deine Capri-Batterie-Updates beziehen sich auf die gleichnamige Arbeit von Joseph Beuys. Wie kamst du auf die Idee, dieses Motiv aufzugreifen?
Zu Beginn meines Kunststudiums habe ich mich sehr viel mit Energie beschäftigt und bin auf ein Foto der Capri-Batterie von Joseph Beuys gestoßen, das ich mir an die Wand gepinnt habe. Als ich Anfang 2009 von der neuen EU-Regelung hörte, wonach alle Glühbirnen durch Energiesparlampen ersetzt werden sollten, kam mir spontan der Gedanke, die Regelung auf die Capri-Batterie anzuwenden. Da Beuys‘ Werk gesellschaftskritisch und politisch war, fand ich es nur folgerichtig, dazu ein aktuelles Update zu erschaffen. Und ich habe mich sehr gefreut, dass das Werk noch während meines Studiums so viele Fans unter Beuys-Sammlern fand. Die originale Capri-Batterie von Joseph Beuys entstand 1985, in meinem Geburtsjahr, und beruht auf der Idee, dass Zitronen Energie speichern und tatsächlich als einfache Batterien genutzt werden können. Während eine kleine Leuchtdiode durch die Energie einer Zitrone zum Leuchten gebracht werden könnte, wäre dies bei der gelben Glühbirne des Originals unmöglich, übrigens auch bei einer Energiesparlampe - für beide reicht die Energie der Zitrone nicht. Gerade in diesem Missverhältnis zwischen natürlicher Energiequelle und menschlichem Energiebedarf sehe ich ein Sinnbild für die Tendenz des Menschen, mehr von der Natur zu verlangen, als sie nachhaltig bereitstellen kann.

links: Susi Gelb, Capri-Batterie Asien-Standard (Update für Joseph Beuys), 2010, rechts: Capri-Batterie EU-Standard (Update für Joseph Beuys), 2009
In deinen Arbeiten treffen Materialien wie Lehm, Wasser oder Glas auf Polyesterharz, Kabel, Stahl oder technische Elemente. Wie entstehen diese Materialkonstellationen?
Ich arbeite mit Übergängen, Vermischungen und Zuständen des Werdens. Die Kombinationen spiegeln auch meine Auseinandersetzung mit einer Welt wider, in der Ökologie und Technologie längst nicht mehr voneinander getrennt existieren. Oft besitzen die Materialien sehr unterschiedliche Eigenschaften: Manche verändern sich bei Wärme oder Kälte, trocknen aus, wachsen oder reagieren auf ihre Umgebung, während andere auf Dauerhaftigkeit und Kontrolle ausgelegt sind. Gerade diese Spannungen machen Fragen nach unserem Verhältnis zum Planeten, zu Ressourcen, Wandel und zu den von uns geschaffenen oder zerstörten Systemen sichtbar. Viele meiner Werke arbeiten auch mit einer gewissen Prekarität und Zerbrechlichkeit. Mich interessieren dabei weniger die Gegensätze zwischen weich und hart oder organisch und technisch als die Beziehungen, die zwischen den Materialien entstehen. Erde, Wasser, Holz, Harz, Stahl und Technikkomponenten bringen jeweils eigene Eigenschaften, Widerstände und Zeitlichkeiten mit. Im Arbeitsprozess versuche ich, diese Eigenlogiken nicht vollständig zu kontrollieren. So entstehen Konstellationen, in denen Materialien selbst zu Akteur*innen werden. Diese Offenheit verstehe ich auch als Kritik an klassischen Vorstellungen von Beherrschung. Die Arbeiten sind Gefüge, in denen sich organische, technische und menschliche Ebenen gegenseitig beeinflussen.


oben: Ausstellungsansichten: Susi Gelb, soft liquids hard shell, Kunstraum Konrad, 2024, Foto Tobias Erhardt & Ausstellungsansicht: Susi Gelb, Unsee, 2023, Nir Altman Galerie, Fotos: Dirk Tacke, unten: Susi Gelb, upstream (t) No. 12, 2014, Foto: Susi Gelb
Für dein Werk „upstream (t) no12“ hast du den Schopf einer Ananas eingegossen. Kannst du uns mehr dazu erzählen?
Das Werk verweist auf den menschlichen Wunsch, Natur zu bewahren, zu archivieren und zu kontrollieren und gleichzeitig auf die Grenzen dieses Vorhabens. Das Harz erzeugt den Eindruck von Konstanz, natürliche Prozesse lassen sich aber nicht vollständig kontrollieren oder anhalten. Lebendige Materie hat eine Eigenlogik. Die Ananas hat beim Eingießen einen atemberaubenden goldenen Schimmer erhalten, was mich selbst überrascht hat. Sie ist Teil einer größeren Serie. Ich sehe die Güsse als Elemente einer fortlaufenden Enzyklopädie. Sie ordnen die Welt nicht nach wissenschaftlichen Kategorien, sondern entwickeln eine eigene Logik. Es entsteht ein eigenes Bildvokabular, ein visueller Atlas. Aus den Variationen und Verbindungen entsteht nach und nach eine persönliche Mythologie, in der Materialien, Formen und Körper neue Verwandtschaften eingehen.
Welche Bedeutung haben die Elemente für dich?
Ich habe mir mal notiert: „Wir befinden uns in einem Ozean aus Luft.“ Meine Güsse arbeiten ja viel mit Ummanteln, Aufbrechen, Durchbrechen; es ist oft unklar, wo das Innere beginnt und wo das Äußere. Ich empfinde das als ein stimmiges Bild unserer Existenz. Erde wird zu Staub und filtert das versickernde Regenwasser, reichert es mit Mineralstoffen an. Wir trinken Wasser, Wasser verdunstet, es gewittert. Tatsächlich ist es so, dass alles in Bewegung ist, ein großer Metabolismus. Deshalb arbeite ich auch so gerne mit Wasser: Alles fließt, auch durch die Körper hindurch. Wir nehmen das alles als gegeben an, aber wie toll ist es, dass wir Luft atmen und schmecken, Wasser trinken und darin schwimmen, dass Luft mit Teilchen beladen ist, die von Bäumen gefiltert und mit Sauerstoff angereichert werden. Wir sollten uns öfter daran erinnern, dass wir nicht außerhalb der Natur stehen, sondern Teil derselben Stoffkreisläufe sind, bis ins Innerste unserer Zellen. Mich faszinieren auch Maßstäbe, dass Systeme im Kleinen wie im planetaren Maßstab aus komplexen Abläufen bestehen, aus einem empfindlichen Gleichgewicht.
Du beschreibst Ausstellungen selbst als Landschaften oder kleine Ökosysteme. Welche Rolle spielen dabei die Besucher?
Meine Installationen arbeiten mit Immersion; ich versuche immer, die Atmosphäre und Wahrnehmung eines Raums zu verändern und die Besucher sinnlich zu involvieren. Mich interessiert, ob durch Rhythmus und Atmosphäre ein Bewusstsein von Verbundenheit entstehen kann, mit den Werken, mit anderen Menschen und mit der mehr-als-menschlichen Welt. Die Besucher werden Teil eines Netzwerks von Beziehungen und daran erinnert, dass es kein Außen zur Natur gibt, wir alle sind Teil eines großen Ökosystems, ob wir wollen oder nicht.
Letztes Jahr hast du im Archiv der Zukunft in Lichtenfels die Ausstellung „Foundations are never mute“ gezeigt. Was war der Ausgangspunkt für diese Ausstellung?
Für diese Ausstellung habe ich intensiv an der Verbindung von menschlichem Körper, Skulptur, Video, Raum und Bewegung gearbeitet und dafür mit der Choreografin und Tänzerin Edith Buttingsrud-Pedersen und der Musikerin Enyang eine Performance entwickelt. Mir ging es darum, mit den skulpturalen und filmischen Elementen, der Musik und den Körpern der Tänzerinnen einen Raum zu eröffnen, der die Besucher*innen umschließt und als etwas Fluides erfahrbar wird. Alle Elemente entfalten sich im Raum und gehen ineinander über, sie sind räumlich miteinander verwoben. Bestimmte Formen wiederholen sich, wie der Vortex, der ein wichtiges Thema für mich ist. Die Staffelung im Raum und die sich durchdringenden Bewegungen ergeben zusammen mit der Livemusik einen sinnlichen Rhythmus und eine haptische Aufladung, durch die die kalten Bohrkernwände des Kellergeschosses plötzlich fleischlich und lebendig erscheinen und die monumentalen, starren Glasflächen des Erdgeschosses zu warmen Häuten werden. Gerade diese Oszillation beschäftigt mich sehr: Kunst kann ihre Umgebung krass verändern, jedes Werk beeinflusst auch die Erscheinung der Nachbararbeit und reflexiv sich selbst sowie die Beziehungen der Besucher*innen zueinander. Es sind nicht nur die einzelnen Werke, sondern ihr Zusammenspiel, in dem Vorstellungen von Handlungsmacht, Repair und Körperlichkeit verhandelt und neu geschichtet werden.

Ausstellungsansichten: Susi Gelb, Foundations are never mute, 2025, Archiv der Zukunft Lichtenfels, Fotos: Milena Wojhan
Was war eine wegweisende Arbeit für dich und warum?
Die Installation „Payback XS“, die ich 2010 in Mainburg umgesetzt habe. Wir waren damals mit der Klasse eingeladen, im öffentlichen Raum zu arbeiten und ich habe es dank meiner naiven Überzeugung geschafft, innerhalb von wenigen Tagen 14 auf dem Dach liegende Autos, die ich vom örtlichen Schrotthändler bekam, auf dem Hauptparkplatz zu installieren. Das war eine Punkgeste, auf die ich immer noch stolz bin. Und es war auch ein schöner, gemeinschaftlicher Arbeitsprozess, der nur möglich war durch die unentgeltliche Mitarbeit von vielen Menschen vor Ort.
Und was mir auch ganz wichtig ist: die Publikation „Enzyklopädie von S bis G“, die zu meiner ersten Einzelausstellung, die damals Felix Gaudlitz kuratiert hatte, entstanden ist. Es hat sich wie ein Befreiungsschlag angefühlt: Wir haben damals mein riesiges Chaos an Fotos, Zeichnungen und Notizen gesichtet und zu diesem Künstlerbuch verdichtet. Ich finde die Enzyklopädie immer noch sehr relevant und aktuell.

Installationsansichten: Susi Gelb, Payback XS, 2010, Public Art Project, Mainburg
Ich habe gehört, dass du vor deiner Atelierwohnung einen Garten gestaltet hast. Siehst du das als Teil deiner Kunst oder ist das Freizeit, ein Hobby?
Für mich ist Kunst kein linearer Prozess, sondern ein sich ständig erweiterndes Netzwerk, das sich in einem Garten sehr gut zeigt. Der Garten hat meine Auseinandersetzung mit Perspektive, Pflanzen, Standort und Zeit wesentlich erweitert. Ich habe mich auch mit Gartenkonzepten beschäftigt. An Gärten kann man ja auch ein Weltbild ablesen: Wollen wir beherrschen, soll es künstlich aussehen, als ob wir alles im Griff haben (kurzer, gedüngter Rasen, geometrische Hecken) oder lieber naturnah und romantisch, und wieviel greifen wir dann ein? Unser Garten ist eine üppige Oase und verschönert meinen Alltag in Berlin täglich. Jeden Morgen trete ich als Erstes hinaus und atme die Luft ein. Es fasziniert mich, wie schon wenige Quadratmeter vielfältig bepflanzter Stadtnatur Blütenduft, Tau, Kühle und ein Gefühl von Üppigkeit hervorbringen können. Die unterschiedlichen Blattformen, Farben und Wachstumsweisen schaffen eine eigene Atmosphäre. Durch eine Staffelung wirkt der Garten jetzt sogar viel größer als unbepflanzt. Ebenso faszinierend ist, wie schnell daraus ein Lebensraum für andere wird. Hummeln, Wildbienen, Schmetterlinge und Libellen summen, Fledermäuse ziehen abends ihre Kreise, und nachts kommen sogar Waschbären und Füchse an die kleine Tiertränke.
Wenn technische, finanzielle oder physikalische Grenzen keine Rolle spielen würden: Was würdest du gerne einmal realisieren?
Vor Brasilien gibt es die Insel Queimada Grande, auf der giftige Schlangen, einige Reptilien, Amphibien und Zugvögel leben. Sie darf nicht betreten werden und ist Naturschutzgebiet. Als ich von der Insel gelesen habe, kam mir die Idee, dort eine Skulptur nur für Schlangen zu installieren.
Interview von Sophie Azzilonna
Juli 2026
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Ausstellung im Oldenburger Kunstverein


























